Nachdem ich in der Vergangenheit hier bereits über Basketball geschrieben habe, geht es bei diesem Buch um Radsport, genauer gesagt um Jan Ullrich. Leider liegt keine deutsche Übersetzung von Jan Ullrich – The Best There Never Was vor. Der Autor Daniel Friebe ist ein in der Radsport-Welt bekannter Journalist aus England und hat das Buch in seiner Muttersprache geschrieben. Es gibt eine niederländische eine eine italienische Übersetzung, sonderbarerweise hatte aber anscheinend kein Verlag im Heimatland des Buchhelden Interesse.
The Best There Never Was könnte man mit Der Beste, den es niemals gab übersetzen. Friebe meint hiermit, dass Ullrich trotz aller Erfolge doch recht weit hinter den Erwartungen zurückgeblieben ist, welche die Radsport-Welt zu Beginn seiner Karriere (zu Recht oder zu Unrecht) hatte. Nach seinem Gesamtsieg bei der Tour de France im Alter von 23 Jahren gingen Medien, Gegner und Fans davon aus, dass Jan Ullrich die Radsport-Welt in den kommenden zehn Jahren dominieren und vielleicht sogar an Eddy Merckx heranreichen würde. Es sollte anders kommen.

Bei diesem Buch von Daniel Friebe handelt es sich meiner Meinung nach um die beste Biografie über Jan Ullrich. Während seiner aktiven Karriere schrieb der frühere ARD-Kommentator Hagen Boßdorf gemeinsam mit Ullrich eine Biografie. Wie es aber nicht selten vorkommt, sind Bücher, an denen die Protagonisten selbst mitschreiben, nicht besonders kritisch und kontrovers. Insbesondere das große Thema Doping wurde in Boßdorfs Buch natürlich ausgeblendet. Erst kurz nach dem Erscheinen von The Best There Never Was gab Ullrich auch öffentlich zu, was Radsport-Fans auf der ganzen Welt sowieso längst wussten. In Friebes Buch ist das anders. Er beleuchtet auch dieses Thema sehr ausführlich.
Die beste Biografie über Jan Ullrich
An diesem Buch von Daniel Friebe war Jan Ullrich selbst nicht beteiligt. Dafür kommen hier aber viele frühere Weggefährten zu Wort. Dazu zählen seine früheren Trainer Peter Sager und Peter Becker, ehemalige Teamkollegen wie Rolf Aldag oder Udo Bölts, sowie damalige Konkurrenten, wobei hier vor allem Lance Armstrong zu nennen ist. Friebe recherchierte viele Jahre lang zu diesem Buch und hat ein sehr ausführliches und spannendes Werk vorgelegt.
Das Buch beginnt, wie es in Biografien so üblich ist, in Ullrichs Kindheit. Er wuchs in Rostock (damals noch DDR) auf. Sein Vater spielte früh keine Rolle mehr; als er es noch tat, ging es im Haushalt sehr gewalttätig zu. Nachdem Ullrich von seinem ersten Trainer Peter Sager bei einem Crosslauf entdeckt wurde, stellte sich sehr früh sein großes Talent auf dem Rad heraus. Später wechselte er dann nach Ost-Berlin und trainierte bei Peter Becker, der noch viele Jahre Ullrichs Trainer bleiben sollte. Das Buch beschreibt auch ausführlich das systematische Doping im DDR-Sport, in vielen oder den meisten Fällen ohne Kenntnis der Athleten. Ob auch der junge Jan Ullrich ohne sein Wissen leistungssteigernde Substanzen zugeführt bekam, lässt sich heute natürlich nicht mehr ermitteln.
Nach dem Mauerfall folgten internationale Erfolge wie der Sieg bei der Weltmeisterschaft der Amateure 1993, der große Durchbruch bei den Profis während der Tour de France 1996 sowie schließlich der Tour-Sieg 1997. Anschließend beschäftigt sich Friebe vor allem mit der Frage, die im Titel des Buches angedeutet wird: Wie kam es dazu, dass Jan Ullrich die riesigen Erwartungen nach 1997 nicht mehr erfüllen konnte und es bei diesem einen Tour-Sieg blieb, obwohl die Radsport-Szene ihm eine zehn Jahre dauernde Dominanz vorhersagte?
Viele Weggefährten kommen zu Wort
Hier gewähren frühere Weggefährten Einblicke in den Charakter und die Gewohnheiten von Jan Ullrich. Diese Einblicke gehen über das etwas plumpe „Er hatte keine Disziplin und hat zu viel gegessen“ hinaus. Seine Gewichtsprobleme im Winter und seine vergleichsweise (verglichen mit Armstrong) lockere Herangehensweise an den Radsport spielen hier natürlich eine große Rolle. Allerdings bleibt es hier nicht bei schwarz oder weiß. Ehemalige Teamkollegen und Gegner berichten auch, dass er durchaus sehr hart trainieren konnte und Phasen hatte, in denen er sehr diszipliniert war.
Wie oben beschrieben, spielt hier auch das Thema Doping eine große Rolle. Im Falle Ullrich kann man das wohl in zwei Episoden aufteilen. Zum Einen das systematische Doping im Team Telekom, welches von der Uniklinik Freiburg und den dortigen Teamärzten koordiniert wurde. Auch wenn Telekom und die Uniklinik sich damals, wie im Buch geschrieben wird, als Vorreiter im Kampf gegen Doping darstellten, sah die Realität ganz anders auch. Die zweite Phase begann 2003, nachdem er Telekom (vorübergehend) verlassen hatte. Hier begann die Zusammenarbeit mit dem spanischen Arzt Eufemiano Fuentes und Eigenblut-Doping. Vor allem das Auffliegen von Fuentes liest sich in The Best There Never Was wie ein Krimi. Friebe muss hier Zugang zu den Akten der spanischen Staatsanwaltschaft gehabt haben und hat sich vermutlich akribisch durch die Aufdeckungen der spanischen Medien gewühlt.
Die dunklen Seiten werden nicht ausgespart
Nach seinem erzwungenen Karriereende 2006 gab es zunächst kaum Schlagzeilen über Jan Ullrich, später dann negative. Er hatte Probleme mit Alkohol und Drogen und ist dem Tod wohl ein ums andere Mal nur knapp entkommen. Dass er wieder auf den rechten Weg kam, hat er auch seinen Freunden Mike und Dirk Baldinger (weitläufig verwandt, aber keine Brüder) zu verdanken, die Ullrich zurück nach Merdingen holten. Auch Lance Armstrong spielte seine Rolle. Die beiden früheren Erzrivalen verbindet heute ein freundschaftliches Verhältnis.
Friebe ist sich natürlich bewusst, dass Armstrong die wohl kontroverseste Person in den Radsport-Geschichte ist, was er direkt zu Beginn auch anklingen lässt. Ihm gelingt es aber, Armstrong weder zu glorifizieren noch zu dämonisieren. Heute ist Jan Ullrich zurück im öffentlichen Leben. Es gab mehrere Dokumentation über sein Leben und man sieht ihn zur Freude vieler Radport-Fans am Rande von Radrennen oder hin und wieder auch auf dem Bildschirm bei Eurosport.
Meiner Meinung nach ist es Daniel Friebe mit The Best There Never Was gelungen, Jan Ullrich als durchaus sympathischen Charakter darzustellen, ohne die dunklen Seiten auszulassen. Es hat seinen Grund, warum Ullrich auch heute noch von Radsport-Fans, nicht nur in Deutschland, gemocht wird. Er fällt deutlich einfach sich mit Sportlern mit Ecken und Kanten, Stärken und Schwächen und menschlichen Zügen zu identifizieren, als mit Robotern und aalglatten Medienprofis. Friebe ist es sehr gut gelungen, den Spagat zwischen Kritik und Sympathie zu schaffen. Dieses Buch ist denke ich besser dazu geeignet, den Menschen Jan Ullrich besser zu verstehen, als jedes andere Werk.
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